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Ich habe da, wo mein Herz spricht, nicht das Bedürfnis, zu einem Engel zu sprechen, im Gegenteil, mich bedrücken Vollkommenheiten, vielleicht weil ich nicht an sie glaube; Mängel, die ich menschlich begreife, sind mir sympathisch auch dann noch, wenn ich unter ihnen leide. Theodor Fontane |
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28. Oktober 2003 Lieber Roby, Gestern haben wir Geoffreys 22. Geburtstag gefeiert. Zum zweiten Mal ohne dich. Es war einfacher als letztes Jahr. Fast normal. Ich habe auch nicht mehr so darauf gewartet, dass irgendetwas Besonderes passiert, irgendwas woran ich festmachen könnte, dass du bei uns bist und auch an den Geburtstag deines Bruders denkst. Aber sonst ist nichts besser. Ich habe Monate in einem Trancezustand zugebracht. Monate in denen mich nichts berührt und nichts interessiert hat. Ich habe mit dir geredet, fast ständig. In Gedanken, wenn ich in Gesellschaft war, laut, wenn wir alleine waren. Ich habe Musik gehört, die ich mit dir verband, dein Hemd getragen und deine Sachen immer wieder sortiert und umgeräumt ohne sie je irgendwo zu verstauen. Einfach nur von einem Karton in den anderen. Ich habe mit niemandem über dich geredet und auch keine zusätzlichen Bilder von dir aufgehängt. Aber deine kleine Ente steht auf meinem Nachttisch und um mich herum habe ich überall mit künstlichen Sonnenblumen dekoriert. Ich weiß, dass du Sonnenblumen mochtest. Ich habe mir jetzt auch eine Orchidee gekauft. Deine waren damals vertrocknet, bevor ich das Herz hatte mich darum zu kümmern. Also habe ich jetzt eine gelbe und hoffe, dass sie dir gefällt. Auf eine schwer zu erklärende Art waren diese vergangenen Monate fast angenehm. Ich habe dich sehr intensiv gespürt, du warst mir so unbeschreiblich nah. Aber jetzt vor ein paar Wochen, Anfang September irgendwann, hatte ich das Gefühl oder den Traum, ich weiß nicht mehr, dass du dich von mir verabschiedest. Ich bin jetzt nicht mehr in Trance, ich bin hellwach, sehe und fühle wieder. Und was ich fühle ist blankes Entsetzen. Nein, es ist nicht besser geworden sondern schlimmer. Irgendwann mal war ich auch wütend und hätte dir am liebsten eine geknallt. Aber ich bin dir nicht böse. Wirklich nicht. Du bist nicht schuld daran, dass es mir schlecht geht. Sieh meinen Schmerz einfach als Liebesbeweis, und ich meinerseits werde alles versuchen um den Schmerz zu besiegen und dir nur noch Liebe zu senden. Wenn ich wenigstens wüsste, dass es dir jetzt gut geht. Ich wünsche mir so sehr, dass du jetzt warm und geborgen bist. Du fehlst mir unendlich. Ich hoffe du weißt wie viel du mir bedeutest. So viel, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Du warst immer jemand ganz Besonderes. Keiner deiner Brüder hat mich je so sehr gefordert, erstaunt, enttäuscht und immer wieder überrascht wie du. Ich liebe dich mein Schatz Bis bald Mama |
Hier ist ein indianisches Gebet für dich und für uns alle. Es spiegelt die Worte deines Abschiedsbriefes wieder. Du wolltest, dass wir deinen Abschied so aufnehmen wie es auch in diesem Gebet ausgedrückt wird. Am Anfang gelang mir das auch recht gut. Heute kann ich es nur noch an den weniger schwarzen Tagen und die werden leider immer seltener. Aber an dein Grab gehe ich nicht um zu weinen. Ich fühle dich nicht dort. Ich fühle dich hier. In tausend kleinen Dingen.
« An die, die ich liebe... und die, die mich lieben »
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6. November 2003 Lieber Roby, Du fehlst mir so sehr. Ich hatte doch noch so viele Pläne mit dir. Ich wollte den Hund streicheln, den du dir einmal anschaffen wolltest, ich wollte deine Kinder verwöhnen, das Haus bewundern, das du dir hättest bauen lassen................... Wir hatten doch auch noch so viel nachzuholen. Wir waren doch auch noch gar nicht von einander abgenabelt. Und am schlimmsten: Du hast mir alle Möglichkeiten genommen Schuld abzutragen. Du hast einfach einen Punkt gemacht, und ich hatte meinen Satz doch gerade erst begonnen. Jetzt kann ich ihn nicht zu Ende sprechen, die Geschichte unseres Lebens nicht zu Ende schreiben. Es ist doch die Geschichte von dir und mir. Alles hat doch mit dir angefangen. Du bist so früh gekommen. Ganz egal wo du warst und was uns trennte, du warst immer da. Es ist doch unsere Geschichte, Roby. Wie soll ich sie ohne dich weiterleben,? Du warst nie wirklich mein Sohn. Dafür war ich viel zu jung. Du warst einfach ein fester Bestandteil meines Lebens. Du warst ein Teil von mir. Der autonome und rebellische Teil von mir, der lebendige und aktive Teil von mir, der intelligente und strebsame Teil von mir. Die Idee ich könnte dich verlieren ist mir einfach nie gekommen. Das wäre ja so als mache man sich Gedanken darüber ob man seine Hand verliert oder sein Bein. Natürlich kann so was passieren, aber darüber nachzudenken ist absurd. Für einen gesunden Menschen ist es das Normalste von der Welt Arme und Beine zu haben. Für mich war es einfach normal dich zu haben. Ich habe monatelang neben Geoffreys Bettchen geschlafen, weil er öfter aufhörte zu atmen. Ich hatte Angst ihn zu verlieren. Er war und ist mein Sohn. Ich hatte Angst Bayu zu verlieren, an seinen Vater, als es nach einer Trennung aussah. Ich hatte Angst ihn zu verlieren. Er war und ist mein Sohn. Ich hatte niemals Angst dich zu verlieren. Du warst doch einfach ich. Ich brauche deine Gegenwart um selbst ein Ganzes zu sein. Ich brauche deinen Zuspruch um lachen zu können, deinen Widerspruch um denken zu können, deine Präsenz um selbst zu existieren. ......................jetzt bist du der Teil von mir der voraus gegangen ist. Ich wünsche mir so sehr, dass du meine grenzenlose Liebe spürst. Bis bald Mama |
Oma hat dir mal zu einem Geburtstag ein Lied geschenkt: "Flieg kleiner Adler" oder so ähnlich hieß es wohl. Daran musste ich denken als ich den folgenden Spruch las: Wenn zwei Falken auf einem Baum sitzen und ein Schwarm Wildenten fliegt vorbei, dann sagt auch nicht ein Falke zum anderen: ”Schau da fliegt die Mehrheit, das muss der richtige Weg sein, schließen wir uns an.” Sie werden weiterhin als Falken dem Weg der Falken folgen. (Ph.Deere, Indianerschulen) Jetzt bist du geflogen, mein Junge, aber so anders als sie es sich gewünscht hätte. Vielleicht werde ich ihr eines Tages diese Seiten zeigen, sie würde bestimmt auch gerne etwas dazu beitragen. Und Opa erst! Aber ich wage es noch nicht. Ich kann sie noch nicht wieder weinen sehen.
Ja jetzt bist du geflogen. Auf deine ureigene Art und Weise. Du bist du selbst geblieben bis zum Schluss und so bist du auch gegangen. |
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25. Januar 2004 Mein Gott, schon 2004! Eigentlich ist es doch schon so lange her. Eigentlich hättest du uns an Sylvester das Feuerwerk entzünden sollen, aber du warst nicht da. Ich kann nicht leben ohne dich Roby. Heute ist wieder so ein schrecklicher Tag. Heute morgen habe ich mich noch darum bemüht in eine Internet-Therapiegruppe aufgenommen zu werden. Jetzt ist es Abend und ich habe eigentlich schon gar keine Lust mehr dazu. Ich will überhaupt nicht verarbeiten, vergessen, weiterleben. Ich will dich wieder haben, sonst gar nichts. Ich will nur dich wieder haben. Oh Roby, warum hast du das gemacht? Du wusstest doch wie sehr ich dich liebe. Du wusstest, dass nichts mich würde trösten können, denn so ähnlich hast du es in deinem Abschiedsbrief geschrieben. Hätte ich es früher spüren müssen? Hätte ich dich finden müssen bevor es zu spät war? Hast du darauf gehofft? Wenn ich nicht eher nachgesehen habe, dann nicht weil du mir weniger bedeutest als irgendetwas oder -jemand anderes, sondern nur weil ich so wahnsinnig harmoniesüchtig bin. Ich vermeide alles was Aufregung verbreitet oder irgendjemanden gegen irgendjemanden aufbringen könnte. Und damit mache ich alles kaputt. Ich habe mich auch immer noch nicht geändert. Es ist mir so wichtig, dass jeder jeden mag, sowohl zu Hause als auch auf der Arbeit, dass ich versuche alle Unstimmigkeiten aufzusaugen wie ein Schwamm. Ich weiß selbst, dass das gar nicht möglich ist, aber ich bin eben so. Statt zu agieren, zu intervenieren und ein kleines Stückchen Welt zum Besseren zu ändern, laufe ich Slalom zwischen den Konflikten, scheue jede Konfrontation und denke ich nehme dem Bösen die Spitze wenn ich es bagatellisiere. Und daran bist du gestorben. Ich habe bagatellisiert, heruntergespielt und abgewartet. Hauptsache um mich herum SCHIEN alles in bester Ordnung. Ich hasse mich dafür. Und ich liebe dich und vermisse dich so sehr. Wie soll das alles weitergeh'n? |
31. Januar 2004 Hallo Roby, Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der letzte Brief an dich erst 6 Tage zurück liegt. Heute geht es mir gut. Körperlich noch nicht, aber wen interessiert das schon, seelisch.... seelisch geht es mir seit Tagen gut. Der letzte Brief an dich hatte etwas sehr Befreiendes. Ich hatte danach das Gefühl wieder mit dir in Kontakt zu stehen. Ach, ich kann es nicht recht erklären. Ich habe mich in dieser Woche für eine Therapie beworben. Ich weiß noch nicht ob etwas daraus wird, aber ich habe einen Schritt getan, einen Schritt in die richtige Richtung. Ich habe auch begonnen ein bestimmtes Buch zu lesen. Du weißt ja, dass ich mich immer schon sehr für Esoterik interessiert habe und in dieser Richtung bereits unzählige Bücher in meinem Leben verschlungen habe, aber dieses Buch ist anders. Es heißt "Freundschaft mit Gott" von Neale Donald Walsch. Es hat wirklich nichts mit kirchlichem Glauben zu tun, es sind auch nicht die ätherischen Ergüsse eines Weltverbesserers oder Sektenführers. Das Buch tut einfach gut. Beim Lesen wird einem warm ums Herz, es ist auch lustig geschrieben. Das Lesen darin hat einfach eine ausgesprochen aufmunternde, positive Wirkung. Jemand den ich gar nicht kenne hatte mich angemailt und mir die Bücher von Neale Donald Walsch, er hat mehrere in der gleichen Art geschrieben, empfohlen. Ich dachte mir, kann ja nicht schaden, habe 4 davon gekauft und die Bände "Gespräche mit Gott 1+2+3" Oma zu Weihnachten geschenkt, das vierte habe ich jetzt selbst zu lesen begonnen. Ganz sicher werde ich mir die anderen bald bei Oma ausleihen. Also: ES GEHT MIR GUT. Keine Ahnung wie lange das andauern wird. Ist auch egal. Heute geht es mir gut, und ich kann an dich denken voller Freude, dass es dich gibt und voller Liebe und Dankbarkeit, dass wir dieses Leben zusammen leben können, auch wenn du nicht mehr so greifbar bist. Ich wünsche mir sehr, dass es auch dir gut geht. Bis bald, alles Liebe Mama |